Unter allen Hundeberufen nimmt der des Blindenführhundes eine besondere Stellung ein: Es geht nicht darum, zu entdecken, zu suchen oder zu schützen, sondern buchstäblich die Augen seines Halters zu werden, in einer Vertrauensbeziehung, die sich über Jahre aufbaut.
Eine einzigartige Rolle in der Welt der Hundearbeit
Im Gegensatz zur Mehrheit der Arbeitshunde, die punktuelle Aufgaben auf Kommando ausführen, begleitet der Blindenführhund seinen Halter durchgehend, in sich ständig ändernden und oft unvorhersehbaren Umgebungen: belebte Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, Treppen, Fußgängerüberwege. Er muss nicht nur gehorchen, sondern auch eine Form kontrollierter Eigeninitiative zeigen — die sogenannte "intelligente Ungehorsamkeit": einen Befehl verweigern, wenn dessen Ausführung seinen Halter in Gefahr bringen würde (zum Beispiel nicht loslaufen, wenn ein Fahrzeug naht, selbst wenn der Befehl zum Überqueren gegeben wurde).
Diese Fähigkeit, eine Situation zu bewerten und eine dem erhaltenen Befehl entgegengesetzte Entscheidung zu treffen, allein im Interesse der Sicherheit seines Halters, unterscheidet den Blindenführhund grundlegend von anderen Disziplinen der Hundearbeit.
Die bevorzugten Rassen
- Labrador Retriever: stabiles Temperament, praktische Intelligenz, starke Motivation zu gefallen — die weltweit am häufigsten für diese Rolle eingesetzte Rasse
- Golden Retriever: Sanftmut und Zuverlässigkeit vergleichbar mit dem Labrador
- Deutscher Schäferhund: historisch eine der ersten für die Führung eingesetzten Rassen, heute noch präsent
- Labrador/Golden-Mischlinge: vereinen oft das Beste beider Rassen in Bezug auf Temperament und körperliche Robustheit
Das individuelle Temperament ist weitaus wichtiger als die Rasse: Ruhe, das Fehlen übermäßiger Reaktivität, stabile Motivation und die Fähigkeit zu anhaltender Konzentration sind die entscheidenden Auswahlkriterien, weit vor der Rassenzugehörigkeit.
Ein langer und rigoroser Auswahl- und Ausbildungsweg
Die Ausbildung eines Blindenführhundes erstreckt sich in der Regel über 18 bis 24 Monate, in mehreren Phasen:
- Auswahl der Welpen: frühe Beurteilung des Temperaments (schon nach wenigen Wochen) nach Kriterien emotionaler Stabilität und Geselligkeit
- Pflegefamilien: die Welpen verbringen ihre ersten Monate bei ehrenamtlichen Familien, die für die Grundsozialisierung zuständig sind
- Spezialisierte technische Ausbildung: das eigentliche Erlernen der Führung, mit spezialisierten Ausbildern
- Übergabe an den Begünstigten: eine entscheidende Phase gegenseitiger Anpassung zwischen dem Hund und seinem zukünftigen Halter, oft über mehrere Wochen begleitet
Die Erfolgsquote liegt nicht bei 100%: manche Hunde zeigen trotz exzellenter Ausbildung nicht das für diese ganz besondere Rolle geeignete psychologische Profil und werden zu anderen Aufgaben oder zur Familienadoption umgeleitet.
Eine begleitete Karriere, ein verdienter Ruhestand
Ein Blindenführhund arbeitet in der Regel zwischen 8 und 10 Jahren, bevor er in den Ruhestand geht, oft adoptiert von seinem Halter oder der Pflegefamilie, die ihn als Welpen aufgezogen hat. Dieser Übergang wird sorgfältig vorbereitet, sowohl für das Wohlbefinden des Hundes als auch für die Begleitung seines Halters hin zu einem neuen Blindenführhund.
Weit mehr als ein Hilfsmittel
Über seine praktische Funktion hinaus verkörpert der Blindenführhund eine der ausgereiftesten Formen der Mensch-Tier-Zusammenarbeit: ein gegenseitiges Vertrauen, das Tag für Tag aufgebaut wird, bei dem jede Entscheidung des Hundes direkte Auswirkungen auf die Sicherheit seines Halters haben kann. Es ist wohl eine der tiefsten Ausdrucksformen dessen, was die Mensch-Hund-Beziehung zu leisten vermag.